Das Brett der Welt
Von Jochen-Martin Gutsch
Global Village: Warum ein Australier in Kabul eine Skateboard-Schule eröffnen will
Ein afghanisches Wort wäre gut, sagt Travis Beard. Kurz sollte es sein, mit einem guten Sound. Ein lässiges Wort, das man gern sagt, wenn man mit dem Ding unter dem Arm durch die Straßen von Kabul läuft und die Leute wieder fragen, was das für ein Ding sei und was man mit dem Ding mache.
‘Skateboard’, sagen Beard und seine Jungs. So, wie fast überall auf der Welt.
‘Aber niemand in Afghanistan weiß, was ein Skateboard ist’, sagt Beard. Sie sagen deshalb auch: ‘Brett mit vier Rädern unten dran’. Manchmal hilft das.
eard steht im Stadion von Kabul und schaut seinen Schülern zu. Das alte Stadion ist so mürbe und zerschossen wie die ganze Stadt. Das Fußballfeld ohne Rasen, nur braune, zerwühlte Erde. Aber der Belag hinter den Toren ist nicht schlecht. Beton, glatt, hart. Hier fällt man nicht ständig auf die Schnauze wie sonst überall in Kabul. Beard steigt auf das Brett, rollt, springt ab, ein Fuß zieht das Brett mit hoch, Beard steht kurz in der Luft, landet, rollt aus. ‘Der ‘Ollie”, sagt er zu den Jungs. ‘Ein Basistrick. Wer von euch schafft den ersten afghanischen Ollie?’
Vor ein paar Monaten hat Travis Beard, zusammen mit zwei Freunden, das Skateboarden nach Afghanistan gebracht. Einen Sport aus dem Westen. Eine unbekannte Jugendkultur. Heute ist Training, fünf Jungs sind gekommen. Vor ein paar Jahren noch ließen die Taliban im Stadion von Kabul öffentlich Menschen hinrichten. Erschießen. Steinigen. Jetzt fahren hier die ersten afghanischen Skateboarder, Jungs in T-Shirts, und wenn man ihnen zusieht, dann möchte man glauben, dass Afghanistan irgendwann doch funktioniert. Und nicht wieder untergeht.
Skater, das klang stolz
Travis Beard ist Australier, 32 Jahre alt, Fotograf und Ausbilder in einem Kabuler Medienzentrum. Seit zwei Jahren ist er wieder im Land und sieht bereits aus wie ein Afghane. Schwarzes Haar, schwarzer Bart. Seine Jugend verbrachte Beard in Melbourne – meist auf dem Skateboard. In Kabul vermisste er seinen Sport. Zusammen mit zwei Freunden zog er los. Sie hatten drei Boards, jeder eines. Sie fuhren dort, wo der Boden es zuließ. Sie wurden bestaunt von den Jungs in den Straßen der Stadt. Drei verrückte Ausländer auf rollenden Brettern. ‘Könnt ihr uns das auch beibringen?’, fragten die Jungs.
Travis Beard hatte bald sechs Schüler, die sich die drei Bretter teilten. Keiner von ihnen hatte je von einem Skateboard oder vom Skaten gehört, aber es war gut, unter den Ersten zu sein. Beard zeigte ihnen die Grundlagen. Er zeigte ihnen Videos von Skatern, er erzählte von Skater-Musik und den richtigen Skater-Hosen und Skater-Shirts. Die Jungs hörten zu, nickten und stiegen auf die Bretter. Sie schlugen sich die Knie auf und fuhren immer weiter. Ein Skater, wie stolz das klang.
Aber sechs Schüler waren nicht viel. Sechs Schüler waren nichts. Kabul ist eine Stadt der Jugendlichen. Beard und seine beiden Freunde kamen auf die Idee, dass man eine Schule gründen müsste. Eine Schule für Skateboarding. 60 Schüler. Jungen und Mädchen. Auf einem eigenen Gelände, mit gutem Boden, Skateboards zum Ausleihen, Trainern. Und Englisch könnten die Kids hier auch lernen.
Es gibt nicht viel, was man tun kann in Kabul, wenn man jung ist. Kino, Billard oder die Muskeln aufpumpen in einem der Bodybuilding-Studios. Aber es gibt für Afghanen keine Clubs. Keine Discotheken. Kaum Bands. Kaum Treffpunkte, wo man unter sich ist. Keine Jugendkultur. Die Jungs heiraten früh, die Mädchen noch früher. Die Straßen von Kabul sind voller Kids, die Zigaretten verkaufen oder Telefonkarten. Wer alt genug war, zog in all die Kriege der vergangenen Jahre. Jetzt gibt es die erste Generation, die halbwegs im Frieden aufwächst. 70 Prozent der Bevölkerung, sagt Travis Beard, sind jünger als 25 Jahre. Die Jugend ist die größte Kraft im Land. Die Frage ist, was man mit dieser Jugend macht. Und wohin sie geht.
Neun Skateboards sind im Land
Hamid möchte am liebsten abhauen. Irgendwohin ins Ausland. Er ist 21 Jahre alt, liebt HipHop und die Band Metallica, sein Englisch ist fließend, er kennt sich aus mit Computern, aber er glaubt schon nicht mehr an sein Land und daran, dass es sich verändern könnte. ‘Vielleicht in vielen, vielen Jahren’, sagt Hamid. Aber dann sei er alt.
Hamid steigt auf das Board, rollt, probiert den Ollie. Das Einzige, was Afghanistan ihm bieten kann, jetzt, wo er noch jung ist, kommt von Travis Beard, einem Skateboarder aus Melbourne.
Seit ein paar Wochen ist Beard auf der Suche nach einem Grundstück für die neue Schule. Im Juni wollten sie beginnen. Jetzt wird es doch erst was im Juli. Oder im August. Es fehlt noch an allem: Grundstück, Geld, Equipment und Genehmigungen. Aber der Plan steht: einen Verein gründen, den Afghanistan Skateboarding Club. Dann einen Verband gründen, die Afghanistan Skateboarding Federation. Nebenbei weiter Geld auftreiben, für die Skateboarding-Schule und für das Equipment. 40 Skateboards und 50 Paar Skater-Schuhe hat Beard zusammenbekommen. Alles Spenden. Neun Skateboards sind jetzt im Land, der Rest liegt noch in Australien oder Deutschland.
Wenn alles gut läuft, könnte man die Idee später vielleicht sogar exportieren, sagt Beard. Eine Skateboard-Schule in Osttimor. Und im Sudan. Skateboarding als Entwicklungshilfe sozusagen.
Von draußen, außerhalb des Stadions, wehen die Klänge von Gewehrschüssen herüber. Travis Beard lauscht kurz. Dann zieht er ein Notizbuch aus der Jacke, in dem er all die Vorschläge notiert, wie man Skateboard übersetzen könnte. Ein paarmal stand er jetzt irgendwelchen Grundstückseigentümern gegenüber und versuchte zu erklären, wozu er Land braucht. Was das für eine Schule werden soll. Beard sagte: ‘Skateboarding’. Und: ‘Fahren auf einem Brett mit vier Rädern unten dran’. Sie schauten ihn an wie einen Verrückten.
Ein afghanisches Wort wäre gut, sagt Travis Beard.
der Online-Artikel vom Spiegel
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Für ein friedliches Afghanistan”Skateistan” in Kabul
Stürze machen ihr nichts aus, dazu ist Fatana viel zu begeistert von ihrem neuen Hobby. Die zehnjährige Afghanin rollt mit lautem Rattern auf einem Skateboard durch einen trockenen Brunnen in Kabul, ein gutes Dutzend andere Jungen und Mädchen tun es ihr gleich. Zusammenstöße, bei denen die Boards unter den Kindern davonschießen, werden mit einem Lachen quittiert. Junge afghanische Männer und der Deutsch-Australier Oliver Percovich zeigen dem Nachwuchs, wie man die Bretter beherrscht. Ihrem einzigartigen Hilfsprojekt haben sie einen eingängigen Namen gegeben: Skateistan.
Skateistan soll helfen, die Grenzen zwischen den verschiedenen Ethnien in Afghanistan aufzuheben, die sich in der Vergangenheit immer wieder bekriegt haben. “Wir wollen die Barrieren durchbrechen”, sagt der 33-jährige Percovich. Nicht nur der Ansatz, auch die Arbeitsweise der Jungs von Skateistan ist unkonventionell: Während Mitarbeiter manch anderer Hilfsorganisation nur noch mit gepanzerten Fahrzeugen unterwegs sind, fahren die Skater mit Motorrädern und Taxis zu den Treffen mit den Kindern. Sie haben weder bewaffneten Wachschutz noch ein großes Budget, nur ihre Begeisterung und ihre Bretter mit den vier Rollen. Das Skateistan-Logo zeigt einen Skateboarder, unter dessen Brett eine Kalaschnikow zerbricht.
Vom Straßenkind bis zur Tochter eines Bankmanagers
Percovich selber skatet seit seiner Kindheit, auch auf seinen ausgedehnten Reisen außerhalb Australiens hat ihn sein Board immer begleitet. Im Februar vergangenen Jahres folgte er seiner damaligen Freundin nach, die in Kabul Arbeit gefunden hatte. Die Freundin, ein weiterer Freund und er skateten in der Freizeit. Kinder hätten damals gefragt, ob sie sich die sonderbaren Geräte einmal ausleihen dürften. Im vergangenen November wurde die Skateistan-Idee geboren. “Die Kinder lächelten, also schien es eine gute Idee zu sein”, sagt Percovich. “Wir dachten, das ist ein hervorragender Weg, um mit den Menschen auf der Straße ins Gespräch zu kommen.”
70 Prozent der Afghanen seien jünger als 25 Jahre, die meisten Hilfsorganisationen arbeiteten aber mit den Älteren. “Es gibt wenig Unterstützung für die Kinder, um ihnen zu ermöglichen, Kinder zu sein”, sagt Percovich. Er will Skateistan so schnell wie möglich in einheimische Hände geben und unabhängig von ausländischer Hilfe machen. Das Projekt ist schnell gewachsen. Skateborards und Material wurden aus dem Ausland gespendet. Rund 100 Jungen und Mädchen – vom Straßenkind bis zur Tochter eines Bankmanagers – wagten sich bislang auf die Bretter, etwa 20 davon kommen regelmäßig zu den Treffen an verschiedenen Plätzen in der Hauptstadt. Nächstes Ziel ist der Bau einer Skateboardschule auf einem eigenen Gelände in Kabul und dann in anderen afghanischen Städten.
Mit Vorurteilen aufräumen
Bis es soweit ist, skaten Percovich, seine afghanischen Freunde und die Kinder auf anderen halbwegs glatten Asphaltflächen, die sie in der Stadt finden – wie dem eingangs erwähnten trockenen Brunnen. Dort hat sich der 16-jährige Mirwais eingefunden, er nennt Skateboarden “wunderbar”. Viel Erholung hat er in seinem Leben ansonsten nicht. Wenn die Schule aus ist, steht Mirwais auf der Straße und putzt Autos, er bringt es auf etwa zwei Euro am Tag, mit denen er seine achtköpfige Familie unterstützt.
Seit zwei Monaten ist sein Alltag etwas bereicherter, sein jüngerer Bruder nahm in damals mit zu einem der Skateboard-Treffen. Er selber lerne schnell, sagt Mirwais. “Eines Tages hätte ich gerne mein eigenes Skateboard.” Der Sport sorgt nicht nur für Erholung in der unsicheren und immer noch armen Stadt, in der das tägliche Überleben auch für Kinder schwierig sein kann. Er räumt zudem mit Vorurteilen auf. “Ich kann besser skaten als die Jungs”, sagt die zehnjährige Fatana. “Was Jungen können, können Mädchen auch.”
der Online-Artikel von NTV